Was ist Wahrheit und wer bestimmt sie? Wie steht es mit der Gerechtigkeit und der Gleichheit, wie mit der Gleichwertigkeit? Wie mit der Gleichberechtigung?

In einer Welt, in der abbildhafte, vergängliche Menschen ein befristetes Leben leben müssen, kann es keine Gerechtigkeit geben. In einer Welt, in der das Gesetz des Stärkeren herrscht und es Menschen gibt, die nach diesem Gesetz leben, kann es keine Gleichwertigkeit geben, weder unter den Geschlechtern noch zwischen den Geschlechtern.

Nicht die Mehrheit bestimmt die Wahrheit.

 

Seit meiner Jugendzeit kämpfe ich für ein menschliches Christentum, das ich weder in Religionen wie der katholischen Kirche noch in geistigen Weltanschauungen und Bewegungen wie der Anthroposophie gefunden habe. Das allein nach dem Männlichen hin ausgerichtete duale aristotelische Denken, das von einem alleinigen Vater-Gott ausgeht und ein darwinistisches, hierarchisches System pflegt, wie es in der Natur vorhanden ist und dem Weiblichen lediglich eine „Gehilfs-Funktion“ zuordnet, kann nicht dem Sinn und der Bedeutung eines wahren Menschseins entsprechen. Die Hinwendung zu einer platonischen Weltanschauung, welche von einer zusätzlichen dritten urideell-reellen Welt ausgeht und deshalb auch von einer urideell-reellen Mutter-Vater-Elternheit spricht, ist die logische Konsequenz meines Suchens.

Wahres Menschsein heisst für mich aufstehen, sich aufrichten. Aufrichten heisst für mich aufgerichtet sein, aufrichtig sein. Aufstehen und Aufgerichtetsein kann für mich nur bedeuten, in die Lage zu kommen, denkend seinen eigenen Weg zu finden. Aufgerichtetsein macht frei von aufgebürdeten, anerzogenen Fesseln von Religionen und Weltanschauungen. Frei von Geistesführern, die vorschreiben, wie man zu sein und zu leben hat.

In den Fesseln der Religionen und Weltanschauungen zu verbleiben, bedeutet für mich, liegen zu bleiben, rückwärtsgewandt zu sein. Bedeutet für mich, in der Vergangenheit zu leben und zu denken - oder eher nachzudenken, im Kollektiv zu denken. Bedeutet, nicht selbstverantwortlich sein zu können. Bedeutet, nicht loslassen zu können. Kein Vertrauen in sein eigenes Denken zu haben und deshalb lieber auf Dogmen und das Denken von Menschenführern zu setzen. Denn in der Vergangenheit denken ist das esoterische, "geisteswissenschaftliche" "Es denkt". Dieses "Es denkt" ist das paulinisch christliche "Nicht ich lebe, sondern Jesus Christus lebt in mir". Darin aber versteckt sich der Kelch der Bitternis und des Vergessens und letztendlich der Tod meines eigenen Ich. Ich aber muss mein Ich finden, um Mensch zu werden.

Denn dieses "Es denkt" kommt aus den Sphären, die um mich sind, und bringt mir Erkenntnisse aus der Welt der Weisheit. Diese Erkenntnisse sind gegeben. Passive Erkenntnisse, welche mir gegeben werden. Weisheit ist Vergangenheit. Es sind nicht eigene Erkenntnisse. Sie machen unfrei und lassen die Seele leer.

Eigene Erkenntnisse haben, ist für mich die Grundvoraussetzung, um frei zu werden von allen anerzogenen und angelernten Dogmen, Lehren und Meinungen. Grundvoraussetzung um individuelles wahres und eigenes Ich bin zu werden. Das aber bedeutet sich zu entscheiden, Verantwortung zu übernehmen und den Weg zu gehen.

Den Weg zu gehen, heisst immer mehr Vertrauen zu erhalten ins eigene Denken, in die eigenen Erkenntnisse und Erlebnisse, und damit die Seele wieder bewusst werden zu lassen, sich einen eigenen Besitz anzueignen. Vorallem auch nicht diese Erfahrungen, jeweils am Abend zurück an den Morgen wieder abzugeben, wie eine Meditation dies besagt.