Ein Text aus dem neuesten Manuskript von Patriks Bruder Pirmin, geschrieben und mir zugemailt am 19.2.2025:
Hamburg: Das Frühstück im Gartenrestaurant an einem Tisch unter einer Platane, mit herrlichem Blick auf die Elbe. Ab und zu fuhr da unten ein riesiger Tanker oder ein Containerschiff vorbei und liess uns einen Hauch des grossen weiten Meeres zurück. Die Chefin de Service geleitete mich und Patrik an diesen Tisch und meinte, falls wir noch Wünsche hätten, so solle ich sie einfach rufen. Wir genossen es natürlich in vollen Zügen. Ein gutes Frühstück vor uns auf dem Tisch, eine grossartige Aussicht auf die Elbe und hier eine zuvorkommende Bedienung, als sässe der Bürgermeister selbst bei uns. Ich selbst hätte es nie gewagt in diesem Hotel, das Hotel Jacob an der Elbchaussee, für uns zu buchen. Es war der freundliche Herr vom Reisebüro der Deutschen Bahn am Badischen Bahnhof, der mit der Idee kam, als ich wieder mal zu ihm ins Reisebüro ging, um nach einem uns entsprechenden Hotel zu suchen. Wagen sie es doch mal, meinte er. Es würde uns bestimmt dort gefallen. Und wie recht er hatte. Es gefiel uns wirklich.
Eine Taxifahrt von einem Hotel zum Hauptbahnhof in Hamburg: Auf der Fahrt fragte Patrik ganz selbstbewusst etwas den Taxichauffeur. Das kann wohl nicht gut gehen, dachte ich und wollte mich gleich einbringen. Aber der Taxichauffeur antwortete ihm genau auf seine Frage.
Der Junge in Westerland: Es war der letzte, beinahe schon heisse Tag im Oktober, als wir beschlossen, mit dem Bus nach Hörnum zu fahren. Den Leuchtturm von Hörnum wollte vor allem Patrik noch sehen. So liefen wir in Richtung Busbahnhof in Westerland. Es waren Unmengen von Menschen auf der Strasse, die von der warmen Sonne an den Strand gezogen wurden. Als wir so in Gegenrichtung zum Bahnhof liefen und miteinander redeten, da bemerkte ich ganz nebenbei, dass jemand neben mir, zu meiner Rechten, im gleichen Schritt mitlief. Es war ein kleiner Junge, vielleicht 10 Jahre alt, blond und trug einen roten Pulli. Zuerst beachtete ich ihn nicht besonders, schaute aber dann doch nochmals zu ihm hinunter, und da fragte er mich, auf hochdeutsch: «Woher kommt ihr?» Ich fand dies lustig und antwortete ihm: «Von Basel. Weisst du, wo Basel liegt?» Er meinte einfach: «Ja! Ich komme aus Dornach.» «Aus Dornach? Ja, bist du denn mit deinen Eltern hier?» «Nein, mit meiner Oma. Und morgen fliegen wir wieder zurück.» Ich schaute einen kurzen Moment beiseite, und als ich den Jungen nach seinem Namen fragen wollte, da war er nicht mehr da, weg, verschwunden in der Menschenmenge.
Colmar: Wie oft waren wir in Colmar! Mit dem Zug in dreiviertel Stunden. Und immer war es die "Maria im Rosenhag" von Martin Schongauer in der Dominikanerkirche, die es uns angetan hatte. Auf dem Weg vom Bahnhof Colmar dorthin, machten wir stets im Park noch einen Picknickaufenthalt - jedenfalls im Sommer, im Winter gings an den Weihnachtsmärt -, wo Patrik dann auch sein obligatorisches Nickerchen machen konnte. Zur Dominikanerkirche war es von da weg nicht mehr weit. Man kannte uns mittlerweile an der Eingangskasse. Es sassen immer dieselben zwei Personen da, die sich ehrlich freuten, wenn wir wieder kamen. Und so liessen sie uns stets vorbei, ohne Eintritt zu bezahlen.
Strassburg: Wieder mal packte uns die Reiselust weiter zu fahren mit dem Zug als bis Colmar. Wieder bis nach Strassburg. Der Bahnhof von Strassburg wurde bei der Renovation meiner Meinung nach verschandelt. Er sieht sogar grässlich aus. Die Strassburger schämten sich ihres Bahnhofs wegen, da dieser ein Relikt ist aus alten Zeiten. Erbaut im deutschen Bahnhofbaustil der Wilhelminischen Zeit. Sie beauftragten ein Architekturbüro aus Paris, diesen umzugestalten. Und so wurde einfach eine riesige Glasglocke darübergestülpt.
Vom Bahnhof aus liefen wir in Richtung Innenstadt zum Münster. Der Weg dorthin zog sich hin und es war schwülwarm. Der Gang ins Münster war Pflicht. Dort setzten wir uns gerne mal paar Minuten irgendwo in einer Bankreihe in der hinteren Hälfte und beobachteten einfach das Geschehen. Es war ja nicht das erste Mal, dass wir hier waren. Zur Weihnachtszeit hingen oder hängen zwischen den Säulen stets die Gobelinteppiche mit Bildgeschichten aus dem Testament. Da sassen wir und erholten uns in der Kühle des Münsters. Da auf einmal kam ein Herr auf uns zu und redete in Französisch etwas zu Patrik. Er war ein Münsteraufseher. Er sagte ihm, dass er seine Mütze abnehmen solle, weil dies ein Gotteshaus wäre, andernfalls müsse er den Ort verlassen. Patrik fragte mich, was der Mann gesagt hätte. Ich erklärte ihm, dass der Herr dieses Münsters, welcher auch der Gott sei, sich in der Ehre verletzt fühle, wenn er die Mütze nicht abnehmen würde. Ganz klar, dieses Argument verstand Patrik nicht, wie auch! Ich verstand es selber ja nicht. Also folgten wir dem Befehl des Aufsehers und standen auf und verliessen das Münster. Natürlich mit der Mütze auf dem Kopf und liefen am Münsteraufseher vorbei.
Vincero!
Zitat von meinem einstigen Hausarzt AB, aus dem Tagebuch vom 25.9.1996: Man darf Unwahrheiten nicht einfach im Raume stehen lassen. Dem Bösen muss man mit moralischen Werten entgegentreten.
Als ich vor vielen Jahren, damals als Patrik volljährig wurde, einen Antrag an die Vormundschaftsbehörde stellte, Patriks Beistand als Mutter und rechtliche Beiständin weiterhin zu übernehmen, musste ich mit ihm ins Bruderholzspital für ein psychiatrisches Gutachten. Das erste, was mich der Psychiater dort fragte, war: "Patrik hat Trisomie 21, hat er das schon seit Geburt?" Mein erster Gedanke war: "Wo bin ich da hingeraten?"
Als ich mal vor langer Zeit im Breitequartier für uns beide eine Wohnung besichtigen ging, fragte mich die Verwalterin der Liegenschaft und meinte Patrik: "Ist er bösartig?" Ich sagte nur: "So viel ich weiss, hat er noch nie jemand gebissen!"
Im Schwarzwald waren wir ebenso. Mal in Badenweiler! Dort übernachteten wir in einem Hotel und blieben drei Nächte. Das Frühstück "durften" wir abseits der anderen Gäste einnehmen, in einem Nebenraum ohne direktem Fenster. Als wir nach diesen drei Nächten die Rechnung mit der Kreditkarte begleichen wollten, sagte die Hoteliersfrau, dass sie nur Bargeld entgegen nehmen würde.
Weihnachten:
Aus «Ans Christkind» von Heinrich Federer:
Warum bist Du auf diese Welt
O Kind, so klein gekommen?
Hast nicht als wie ein grosser Held
Ein gülden Schwert genommen?
Warum in Windeln und in Stroh
Lässt Du so klein Dich betten?
Ist das denn besser, schöner so,
Als Samt und Perlenketten?
O kämest Du wohl hoch zu Ross
Auf Schimmeln oder Rappen
In einem sonnenhellen Tross
Von Rittern oder Knappen:
Dann beugten sich wohl tief vor Dir
Die allersteifsten Rücken
Doch so ein Kind? – Ich zweifle schier,
Ob sie sich gern noch bücken….
Denn kämest Du im Glanz daher,
Ein König oder Kaiser,
Ach, das erschreckte uns gar sehr,
Da kommst Du lieber leiser……….
