Im Alter von siebzehn Jahren zog ich nach Basel, machte eine Lehre. In Basel kamen auch meine beiden Söhne zur Welt (der erste mit Trisomie 21). Durch meine Heirat wurde ich Bürgerin von Basel.

Die erste Ehe wurde nach kurzer Zeit wieder geschieden. Meine zweite Heirat war ebenfalls nicht für ewig geschlossen worden. Kurz nach meinem einundvierzigsten Geburtstag trennte und schied ich mich auch von meinem zweiten Ehemann. Es war offenbar für die beiden Männer schwierig, mit einem behinderten Menschen zusammen zu leben. Selbst als Vater oder Stiefvater. Sie wollten frei ihr Leben geniessen können und nahmen sich beide eine neue Partnerin. Das geht offenbar so einfach! Sie kannten beide kein Pflichtgefühl.

Ich verdiente meinen Lebensunterhalt zuerst mit Hauspflege. Ich absolvierte einen dreimonatigen Kurs für Pflege zu Hause vom Roten Kreuz. Da mir die Hauspflege zu kräfteraubend wurde, wechselte ich wieder in meinen früheren Beruf. Zwölf Jahre später erlitt ich einen schweren Unfall. Ich wurde als Fussgängerin auf dem Weg zur Arbeit auf dem Trottoir von einem Auto angefahren. In der Folge wurde ich ein Jahr später medizinisch pensioniert. 

Durch diesen Unfall wurde ich aus dem bisherigen Leben hinausgeworfen. Nach dreimonatigem Spitalaufenthalt, den ich die ganze Zeit über platt auf dem Rücken liegend verbringen musste, ich hatte Brust- und Lendenwirbelbruch und offener Trümmerbruch am linken Bein, musste ich wieder das Laufen erlernen. Vorerst klappte der Befehl zum Laufen vom Gehirn zu den Beinen nicht. Gleich erging es mir mit Reden und Singen. Wobei das Singen nicht mehr in den alten Zustand gebracht werden konnte. Mit schweisstreibender Physiotherapie und Heileurythmie ging es langsam wieder voran, vor allem in Richtung Gehen. Durch das Gehen kamen auch nach und nach die Worte gezielter zurück. Wer mir neben vielen andern tatkräftig mit zur Seite stand, auch mich im Rollstuhl herumkutschierte und vor allem mir den Sinn zum Leben immer wieder von Neuem gab, war mein Sohn Patrik (Trisomie 21). Zwei der drei Monate des Spitalaufenthaltes durfte er neben mir im selben Zimmer sein und behilflich sein bei der Pflege für mich. Deshalb konnte ich nach drei Monaten heimgehen, da er fähig war, neben der Spitex für mich zu sorgen.  

 

Aufgewachsen bin ich zusammen mit fünf Geschwistern, drei Schwestern und zwei Brüdern, im katholischen Luzerner Wiggertal. Ich wurde streng katholisch, patriarchalisch, konservativ erzogen. Ich musste mich diesem System entziehen, indem ich nach Basel auswanderte, vielleicht sogar floh. 

Als mein erster Sohn mit Trisomie 21 zur Welt kam, war dies für beide Familien ein Schock. Sie schämten sich seiner. In meiner Familie musste ich ihn auf Geheiss meiner Eltern jeweils mit einem Tuch abdecken, wenn ich bei ihnen im Dorf, wo sie wohnten, zu Besuch war. Damit niemand ihn zu Gesicht bekam. Meine Mutter erklärte mir bald, dass er nicht zu unserer Familie gehöre. Sie wollten ihn möglichst bald in einem Heim sehen. Überhaupt war niemand um mich, der meine Absicht teilte, ihn bei mir zu behalten, nicht mal sein Vater. Für mich war dies aber alles kein Thema. Er kam ja gerade aus einem Grunde zu mir. Und er war mein Sohn.

Gründung einer Gruppe von Eltern mit behinderten Kindern.

Auf der Suche nach Eltern mit behinderten Kindern, kam ich in eine junge Familie, deren KInd geistig behindert und autistisch war. Ich mit einem Kind mit Trisomie 21, ein lebensfrohes Kind, sie mit einem Kind, welches kein Zeichen von sich gab. Ich fing einfach an, mit diesem Kleinen zu reden, und lächelte ihm zu. Dann plötzlich sagte mir seine Mutter: Jetzt hat er auch gelächelt. Ich habe es nicht bemerkt. Aber ich habe seiner Mutter geglaubt. Sie kannte doch ihr Kind. Sie war die Eingeweihte. Ich konnte sie leider für die Gruppe nicht gewinnen. Es tat mir leid, doch habe ich sie verstanden. Ihr Leben war einiges schwerer als meines. Ich hatte Ehrfurcht vor solch einem Leben. Ich denke noch heute ab und zu an sie, obwohl ich sie nie mehr sah. 

Austritt aus der katholischen Kirche.

In Basel kam ich durch meinen behinderten Sohn Patrik mit der Anthroposophie in Kontakt durch einen Nachbar. Er war Heilpädagoge an der Christopherus Schule in Basel. Er sprach mit mir von der Anthroposophie und davon, dass Menschen wie Patrik seelenpflegebedürftig wären. Endlich mal jemand, der Patrik anders beurteilte, als ich es von zuhause aus gewohnt war. Auch kamen dabei Gedanken auf, dass Menschen wie Patrik in früheren Leben Opfer gewesen sein könnten. Von dieser Zeit an war ich oft als Gast im Goetheanum, ging auch dort in die Eurythmie. Nach einem zweijährigen Einführungskurs und einem zweijährigen Grundkurs wurde ich als Mitglied in die Gesellschaft aufgenommen. Achtundzwanzig Jahre war ich Mitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und davon vierzehn Jahre Mitglied der Hochschule am Goetheanum. 

Viele Jahre inneren, intensiven und letztendlich schmerzlichen Auseinandersetzungen führten mich wieder zum Austritt aus der Gesellschaft. Als Frau, alleinstehend und mit einem behinderten Sohn, welcher die Aura des Zweiges, in dem ich jahrelang Mitglied war, verdunkelte, wie ich aufgeklärt wurde, fand ich keine zukünftige Heimat mehr. Zumal auch die Stellung und die Zukunft des Weiblichen aus anthroposophischer Anschauung, welche für mich als weibliches Wesen immer stärker zu einem Problem wurden, veranlassten mich, die Gesellschaft wieder zu verlassen. Ich hatte nicht die Aufgabe, diese Probleme in der Gesellschaft zu lösen. Sie sind Bestandteil der Lehre. Sie sind die Lehre Rudolf Steiners, die ua sagt, dass das Weibliche in Zukunft absterben werde. Dann werde das Männliche die Kraft erarbeitet haben, aus sich selbst einen neuen Leib zu erschaffen. Nämlich mit Hilfe der männlichen Sexualorgane und des männlichen Kehlkopfes. Der weibliche Kehlkopf ist als ein Rudiment stehengeblieben, weshalb es nur dem männlichen Kehlkopf erlaubt ist, das ewige Wort auszusprechen. Und vieles mehr.... GA 93

Ich frage mich heute nur, weshalb ich das solange mitgetragen habe? Heute für mich unverständlich!

Durch den Austritt verlor ich alle mir durch die Jahre wertvoll gewordenen Menschen, die ich in der Gesellschaft kennen lernen konnte und die ich zurücklassen musste. Niemand konnte mein Handeln verstehen und nachvollziehen. Die Eurytmistin, bei der ich jahrelang die Eurytmie im Zweig besuchte, hängte mir panikartig das Telefon auf, ohne ein Wort zu sagen, als ich ihr erklärte, dass ich aus der Anthroposophie ausgetreten sei. Niemand durfte mit mir gehen. Niemand durfte mehr mit mir reden. Und niemand kennt mich heute, bewusst, wenn ich irgendwo ihnen begegne. Meiner lieben mütterlichen Freundin wurde vom Hausarzt verboten, mich weiterhin zu treffen.Ich weiss, dass sie sehr darunter gelitten hat. Sie starb drei Jahre später zweiundneunzigjährig. Meine Freundin aus dem Elsass, die mich ab und zu dennoch traf, starb fünf Jahre später an ALS. So habe ich sie alle verloren. Ich aber musste trotzdem meinem Innern folgen. 

Was mich heute noch ab und zu beschäftigt, ist die Frage nach dem Wie ich die Gesellschaft verlassen habe. Es hat mich niemand wegen des Austrittes zu einem Gespräch eingeladen. Es hat mich nie jemand gefragt, warum ich gehe. Auch nicht der Leiter des Zweiges in Basel, in dem ich sechzehn Jahre Mitglied war. Ein Mitglied, welches präsent war, dazu zehn Jahre lang einen eigenen Lesekreis zu Hause hatte. Natürlich wusste man von meinen immer stärker werdenden Problemen der Lehre gegenüber, es waren ja immer genug Frauen anwesend im Lesekreis, die der Zweigleitung Bericht abgaben. Vielleicht aber war man gar nicht unglücklich darüber, dass ich die Gesellschaft verliess. Immerhin hatte ich einen Patrik, der die Aura verdunkelte und mich selbst, die zuviele Fragen aufwarf.

Ich wusste damals noch nicht, dass ich für den Austritt aus der Gesellschaft, sicher aber für den Austritt aus der Hochschule hart bestraft werden würde. Man setzte mich, so scheint es mir heute, in einen Art Bann. Ich wurde ausgesetzt. Ich wurde vogelfrei gemacht. Und dies hält bis heute an. Ich fühle mich verfolgt! 

Leider bin ich wieder mit anthroposophischen Menschen in Kontakt gekommen. Ich weiss nun, dass meine karmischen Leute dort zu finden sind. Und das muss wohl der eigentliche Sinn gewesen sein, dass ich in die anthroposophische Gesellschaft eintrat und etliche Jahre danach wieder austrat und Jahre danach erneut eine anthroposophische, medizinische Einrichtung mit Patrik aufsuchte, damit ich diese karmischen Menschen endlich finden würde. Ich war damals aber noch immer der Meinung, gute Menschen zu finden. Aber ich fand Richter und Vollstrecker. Mit dem Zurückgehen in die anthroposphische Klinik habe ich zu hoch gepokert. Hätte ich vor fünf Jahren gewusst, was ich heute weiss, ich hätte die Anthroposophen gemieden. Ich wäre nicht mehr zurückgekehrt. Ich hätte meinem Widerstreben damals recht geben sollen. Der Pokereinsatz war zu hoch. Doch mein Sohn Patrik, der vom jetzigen Hüter dieser Lehre dafür ausersehen wurde, sein Leben einzusetzen, überlebte. Patrik hat mich noch sehender gemacht. Ihm gilt mein ewiger Dank. Doch das Tragischte von alldem, was zurückgeblieben ist: Wer glaubt schon Menschen, die ausgesetzt und ohne Titel sind! 

Religionen und esoterische Weltanschauungen wie die Anthroposophie gleichen dem Lunapark in Pinocchios Geschichte, in welchem die Menschen zu Eseln gemacht werden, bis dass sie nur noch J-aaah reden können, Eselsohren und Eselschwänze erhalten. Auf deren Rücken dann der Führer Platz nimmt und ihnen ihr eigenes, individuelles Ich ersetzt. Sie verlieren ihr eigenes Ich.

Mehrere Jahre sang ich in einem Kammerchor, im Chor des Lyzeum Basel und im Basler Gesangsverein Basel.

Durch meinen Unfall verlor ich die Singstimme und konnte sie nicht wieder zurückholen. Ich musste das Singen aufgeben.

Künstlerischer Werdegang:

-    Privater Malunterricht in Oelmalerei und Spachteltechnik bei einem Basler Kunstmaler

-    Verschiedene Auftragswerke in Oelmalerei und Spachteltechnik

-    Privater Malunterricht in allgemeiner Aquarell-Technik

-    Erlernen der Schicht-Aquarell-Technik in einer Kunstschule bei Basel und in der (damaligen Galerie und Malschule ars intuita in Basel.)

     Abwendung von der Oelmalerei und Hinwendung zur Schicht-Aquaell-Malerei. 

A   Ausstellungen im Rahmen der ars intuita Basel im Volkshaus Basel, im Scala Basel, in der Orangerie der Villa Merian im Botanischen Garten Grün 80 und privat. 

     Zudem: Gesangsunterricht und Sprachgestaltung.

M  Mehrere Jahre hobbymässiges Töpfern in einem Töpferatelier.