Mag die Welt einem mühsam, schwierig und menschenfeindlich entgegenkommen, das Leben selbst aber kann wunderschön sein. Und doch hat mir das Leben die Seele wund gemacht, meiner Stimme die Worte geraubt und meinen Mund verschlossen.

Ich habe gelernt, was schweigen heisst. Schweigen hat seine eigene Sprache. Entziffern können sie nur Menschen, die selbst diese Sprache kennen. Schweigen ist auch eine Sprache der Kunst, Erlebtes in den Grenzen zu halten.

Jeden Morgen freue ich mich erneut darauf, Patrik zu sehen. Und jeden Morgen kommt mir mit seinem Wesen die Sonne entgegen, die mein Herz erhellt. Patrik ist ein Mensch mit Trisomie 21. Also einer jener Menschen, die man heute lieber abtreibt. Laut Statistik neun von zehn. Eigentlich nicht erstaunenswert, wenn man bemerkt, wie seelenlos, wie lieblos und herzlos unsere Welt zum grössten Teil geworden ist. Um diese Menschen zu verstehen, ihren Wert zu erkennen, muss man Augen für ihre Schönheit ausgebildet haben, muss man Ohren haben, zu hören. Man muss selbst eine dazu ausgebildete Seele in sich haben, um das alles aufnehmen zu können, was sie zu sagen haben. In andern Worten: Man muss ein anderer Mensch geworden sein.

Sie sind nicht da, sie sind nicht deshalb gekommen, um sich irgendwo verschwinden zu lassen.  Sie sind Menschen, die was zu sagen hätten, würde man auf sie hören. Sie sind das Licht, die Sonne.

Ein alter Grieche, der uns vor Jahren die Sehenswürdigkeiten seiner Insel zeigte, behandelte Patrik auffallend zuvorkommend. Auf meine Frage, warum er dies tue, gab er zur Antwort: "Man weiss nie, wer in einem solchen Körper lebt."

Menschen wie Patrik sind das Nadeloehr. Das Schwert der Entscheidung. Sie sind das Für oder Gegen, das Entweder - Oder. Das Schwert, welches die Seele durchdringt und sie vernichtet oder sie stählt. Es entzweit oder eint. Es gibt keinen Weg dazwischen.

Menschen wie Patrik sind nicht seelenpflegebedürftig, sie sind im höchsten Masse schutzbedürftig. Sie bringen das Seelische, das Herzliche. Deshalb auch sind sie schutzbedürftig. Schutzbedürftig sind sie, weil sie eine ganz andere Sprache sprechen und vor allem, weil sie die Gesetze der Welt nicht kennen. Sie tragen die Gesetze der Menschlichkeit in sich. Und da sie die Gesetze der Menschlichkeit in sich tragen, schützen sie im Sinne der Menschlichkeit sich selbst und die, welche mit ihnen gehen.

Sie stellen infrage und verlangen nach Antworten. Sie bringen Leben. Sie selber tragen das Prinzip des Lebens in sich.

 

Kein Fels ist zu mir gekommen,

Mich zu hören kein Meer.

Aber ich habe Dich gewonnen

Und was will ich noch mehr? (Reinhard May, 1967)

 

Wenn ich das Seelische meine, das sie uns bringen, so meine ich das wirklich Seelische. Nicht den Seelenleib, den Astralleib oder Sternenleib. Ich meine die einzigartige Seele jedes einzelnen Menschen, die vergessen gehen will.

 

2019 (Corona)

In Zeiten wie diesen, die wir jetzt durchzustehen haben, in welchen äussere Zwänge unsere Freiheit einschränken, bin ich besonders glücklich, einen Menschen wie Patrik mit seinem frohen Wesen an meiner Seite zu haben. Ich meinerseits gebe mit all meinen mir zur Verfügung stehenden Kräften acht, dass ihm nichts passiert und er verschont bleibt von dem Virus.

Patriks Lieblingsfigur am Münster ist der Heilige Martin. Martin, welcher sein Gewand teilt mit dem, der da friert.

Man erblickt nur, was man schon weiss und versteht. (J.W. v.Goethe) 

 

 

Im Vogelpark Steinen:

Es war im Vogelpark Steinen im Schwarzwald vor vielen Jahren. Wir, Patrik und ich, wohnten einer Vogelflugschau bei. Viele Besucher des Parkes sassen eng zusammen auf Holzbänken und sahen sich die Vogelflugschau an. Adler, Falken, auch einen Kakadu und ihre Flugkünste durften bewundert werden. Zuallerletzt liefen wir zum Gehege der Uhus. Der Falkner nahm einen von ihnen, einen riesigen Vogel, auf den Arm. Wir standen alle da, gross und klein und hörten dem Falkner zu, was er von den Uhus zu erzählen wusste. Patriks Vogelinteresse liegt vornehmlich bei diesen Vögeln, den Uhus. Der Uhu, Bubo bubo, oder wie Patrik ihn noch heute nennt, der Buba. Der Falkner sagte zum Schluss, dass er stets eine Feder des Uhus an jemanden verschenken würde. Er würde diese mittels eines Ratespiels dem Gewinner übergeben. Aber heute werde er eine Ausnahme machen. Dann nahm er die Feder und überreichte sie Patrik. Patrik leuchtete über das ganze Gesicht. Danach liess der Falkner sich mit Patrik fotografieren, selbstverständlich mit dem Uhu. Patrik hatte sichtlich einen grossen Respekt vor diesem Vogel, was ihm aber an seiner Vorliebe zum Buba nichts antun konnte. Der Falkner dagegen sagte noch zu mir: «Ich habe auch so eine Tochter!» Und dieses Photo steht noch immer auf Patriks Schreibtisch.

Besondere Familien haben besondere Kinder. 

Glücklich ist, wer das, was er liebt, auch wagt, mit Mut zu beschützen. Ovid aus Amores.

Die Taten sind es, woran man den Menschen erkennt, nicht seine Worte. Worte besitzen sie alle, die Menschen.

Versprechungen sind nichts wert, wenn sie nicht in die Tat umgesetzt werden können. Sie würden nur zu Ver-Sprechungen.

Ich weiss wohl, vor wem ich fliehen muss, aber nicht zu wem. Cicero 

Nicht allen gefällt der Weg, den ich gehe. Der Weg mit Patrik an meiner Seite. Es gibt Menschen, die es sogar ändern möchten. Menschen, die sich in das Leben anderer respektlos einmischen wollen. Vielleicht weil ein solcher Weg, wie ich ihn gehe, für sie nicht gangbar wäre. Da käme wieder die Frage auf, was wohl das Wichtigste ist im Leben. Die Antwort dazu kann so vielfältig sein, wie es Menschen gibt. Für mich ist sie ganz klar: Es ist der Mensch und mit ihm die Menschlichkeit.

Wenn ich Patrik betrachte und so sein Schicksal ergründen will, könnte ich traurig und betrübt werden, ja sogar Angst bekommen. Da ist ein Mensch, der lebensfroh ist, der lieb und herzlich ist, und der keine Chance in der Aussenwelt hat. Ein Mensch, dessen Schicksal so unergründlich ist, wie die Tiefen des Meeres. 

Und wenn ich dann noch mein eigenes Schicksal betrachte, wird mir immer bewusster, warum und dass wir uns wieder gefunden haben und gefunden haben mussten in diesem Leben. Unsere Schicksale haben miteinander zu tun. Er kam nicht wahllos oder zufällig zu mir. Mit ihm wurde ich an die Knotenpunkte meines, unseres Schicksals geführt.

Nur wer kein eigenes inneres Licht hat, sondern nur den Schein des äusseren Lichts auf sich trägt, kann befürchten, dass ihm von Menschen wie Patrik die Aura verdunkelt werde.

Kein Tag ohne riesige Freuden, kein Tag ohne riesige Ängste, das ist Patrik.

Die Freuden sind die täglichen Aufsteller, die Freude zum Leben, das Schöne und Liebliche und Fröhliche, das Dankbarsein.

Die Aengste sind die täglichen Mahnungen, nie mit Hinhören aufzuhören, feinfühlig zu bleiben, nicht gleichgültig zu werden, fit zu sein, um reagieren zu wissen.

Und so wird die eigene Seele immer feinfühliger, vielleicht sogar hellsichtiger. Deshalb fordert sie genau wie Patrik, dass sie in der Aussenwelt immer mehr abgeschützt werden will.

Wer nicht für Patrik ist, ist gegen ihn. Gleich wie es schon in der Bibel heisst: "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich!"

Die Schönheit hat nur ein Gesicht. Die Hässlichkeit hat viele. (Victor Hugo)

Die Wenigen, die was davon erkannt, die töricht gnug ihr volles Herz nicht wahrten, Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten, hat man von je gekreuzigt und verbrannt. (J.W. Goethe)